Die bewusst gewollte dezentrale Struktur des Usenet stammt noch aus der Anfangszeit des Usenet. Ursprünglich gab es nur einen einzigen, zentralen Newsserver. Der Administrator dieses Newsserver verfügte über sehr viel Macht. Das Usenet und seine Entwicklung läßt sich nur verstehen, wenn man sich vor Augen hält, dass das Usenet von seinen Anfängen bis 1993 eine exklusive Einrichtung der Naturwissenschaftler und Techniker war.
Wissenschaftliche Diskussionen sind oft kontrovers und heftig. Der in den Anfängen zentrale Administrator des Usenet war selbst Naturwissenschaftler und löschte ihm missliebige Postings nach eigenem Ermessen.
Deshalb entwickelte sich das Usenet sehr schnell zu seiner heutigen, dezentralen Struktur. Es gibt weder eine zentrale Instanz, noch einen zentralen Newsserver. Jeder Newsserver ist mit mindestens einem weiteren Newsserver durch Peering Abkommen verbunden. Jede neue Message, die auf irgendeinen Newsserver von einem beliebigen User hoch geladen wird, wird von diesem an seine Peering Partner weiter gereicht, von diesen an ihre Peering Partner usw. Abhängig von der Einstellungen der einzelnen Newsserver werden zunächst nur die Header neuer Postings oder sowohl Header als auch Bodies der neuen Postings temporär gespeichert. Bodies können auch nachträglich angefordert werden, solange sie auf dem Ursprungsserver verfügbar sind. Bodies können auch von anderen als dem Ursprungsserver angefordert werden, soweit es hierüber eine Vereinbarung und direktes Peering gibt. So kann man vernetzte Speicherstrukturen schaffen, die erhebliche Speicherkapazitäten auf den einzelnen Newsservern einsparen.
Diese Struktur entstand, um der Allmacht der Administratoren aus der Anfangszeit des Usenet einen Riegel vorzuschieben. Diese Struktur verhindert jeden willkürlich löschenden und filternden Eingriff in das Usenet.
Das Usenet entwickelte sich sehr früh zu einem Netzwerk, in dem nicht ein Administrator entscheidet, sondern der User. Deshalb ist es in seiner Struktur auch einzigartig und mit keinem anderen Protokoll des Internets vergleichbar.
Trotzdem kann der Administrator des Newsservers, über den ein Posting im Usenet veröffentlicht wurde, auch die Löschung dieses Artikels bzw. der Datei auf allen am Usenet teilnehmenden Newsservern veranlassen.
Cancel und Fremdcancel
Wird die Message-ID einer News gelöscht, wird damit diese News auf allen Newsservern weltweit gelöscht. Ebenso, wie die News selbst durch die Peering Abkommen im gesamten Usenet verteilt wurde, wird auch die Cancel-Message an alle Newsserver verteilt. Die Cancel-Message führt zur vollautomatischen Löschung der News auf allen Newsservern.
Die Cancel-Message kann nur von dem Newsserver veranlaßt werden, der auch die Mesasage-ID vergeben hatte, über den also das Posting erfolgte.
Eine Cancel-Message darf nur erfolgen, wenn durch das Posting ein Dritter in seinen Rechten verletzt ist. Der in seinen Rechten Verletzte muss sich selbst mit den erforderlichen Nachweisen an den die Message-ID vergebenden Newsserver-Administrator wenden. Nachgewiesen werden muss sowohl die Rechtsverletzung als auch, das er selbst der Inhaber des verletzten Rechts ist. Dies gilt insbesondere auch für Urheberrechtsverletzungen. Ohne diese Nachweise darf keine Cancel-Message erfolgen.
Dieses "Notice and Take down" genannte Verfahren ist für alle Newsserver absolut verbindlich. Es stammt aus der Anfangszeit des Usenet. Da es immer wieder Administratoren gab und gibt, die ihnen missliebige wissenschaftliche Beiträge per Cancel-Message im gesamten Usenet löschten, kann nach einem Cancel von den Administratoren anderer Newsserver auch der Nachweis verlangt werden, das die Voraussetzungen für den Cancel vorliegen.
Der Verstoß gegen die Vorschriften des "Notice and Take down" kann zum Ausschluss aus dem Usenet führen. Newsserver, die auf die Blacklist gesetzt werden, werden vom Peering abgeschnitten und nehmen nicht mehr am Usenet teil.
Nun gab und gibt es immer wieder Menschen, die sich nachträglich über ein selbst verfaßtes Posting ärgern. Insbesondere in der wissenschaftlichen Welt kann man leicht in ein Fettnäpfchen treten und sähe das Ganze gerne als nie geschehen. Der Administrator des Newsservers, über den das Posting erfolgte, darf dieses Posting jedoch nicht löschen, da kein Dritter in seinen Rechten verletzt wurde. Doch auch in diesem Fall gibt es ein Instrument, den Fremdcancel.
Der Fremdcancel.
Wird eine Cancel-Message nicht vom Administrator des Ursprungsservers veranlaßt, spricht man vom Fremdcancel. Der Fremdcancel kann von jedem Newsserver aus erfolgen. Einige Newsreader für Textnews haben sogar eine Funktion eingebaut, mit der man für ein eigenes Posting einen Fremdcancel veranlassen kann. Da jedoch die beiden Nachweise, das es sich um eine eigenes Posting handelt, lediglich in einem Namen und einer Mail-Adresse bestehen, die oft genug beide der Phantasie entsprangen und nicht real existieren, wäre dem Missbrauch Tür und Tor geöffnet. Deshalb ignorieren auch die meisten Newsserver eine Fremdcancel-Message.
Der Admin-Cancel
Auf seinem eigenen Newsserver ist der Administrator der alleinige Herr. Daher kann er per Admin-Cancel beliebig Postings löschen. Das wirkt sich nicht auf die anderen, das Usenet bildenden Newsserver aus. Selbst auf seinem eigenen Newsserver kann, je nach sonstiger Einstellung des Newsservers, der Cancel eventuell umgangen werden.
Die Filterung
Eine echte Filterung auf einem Newsserver oder gar für das gesamte Usenet ist nach dem Stand der Technik nicht möglich. Im eingeschränkten Maße wären auf einzelnen Newsservern prinzipiell Filterungen möglich. Newsserver sind oft aufgeteilt in einen Header-Server und einen Body-Server. Natürlich wäre es denkbar und vielleicht auch realisierbar, dass auf dem Header-Server alle Postings mit einem bestimmten Begriff im Betreff herausgefiltert werden. Das funktioniert dann genau so, wie der Killfile-Filter eines Newsreaders. Alle Header, die einen bestimmten Begriff enthalten, werden gefiltert.
Jeder, der etwas Erfahrung im Umgang mit Killfiles hat, weiss, das es eine punktgenaue Filterung nicht gibt. Ich verzichte inzwischen gänzlich darauf, weil auch allzuviel herausgefiltert wurde, was nicht gefiltert werden sollte.
Doch die Filterung auf einem Header-Server lässt sich auch leicht umgehen.
Viele Newsserver speichern zunächst nur die Header der täglich etwa 10 Millionen neuen Message-IDs. Der Body wird erst dann vom Ursprungsserver angefordert, wenn erstmalig ein User die Message anfordert. Deshalb arbeiten Header-Server und Body-Server weitgehend unabhängig voneinander. Dieses Verfahren spart gewaltige Speicherkapazitäten. Nur wenige Newsserver speichern sofort auch alle Bodies. Ein Newsserver wie der von Giganews muss alle Bodies speichern, da seine Retention die aller anderen Newsserver deutlich übersteigt. Die nachträgliche Anforderung des Bodys würde sonst oft ins Leere laufen, da der Body auf dem Ursprungsserver wegen dessen kürzerer Retention bereits wieder gelöscht wurde.
Da auf den meisten Newsservern der Body erst nach erstmaliger Anforderung abgerufen und temporär gespeichert wird, kann in Kenntnis der Message-ID ein User auch eine auf dem Header-Server gefilterte Message von seinem Newsserver abrufen. Ein nochmaliger Abgleich der Anforderung mit einer Filterung auf dem Header-Server ist nach dem Stand der Technik nicht möglich. Der Newsserver überprüft lediglich, ob der angeforderte Body bereits temporär gespeichert ist oder vom Ursprungsserver angefordert werden muss.
Die Message-ID eines Postings kann aus einem Header-Update vor der Filterung vorhanden sein, durch den Header-Update von einem anderen Newsserver oder durch eine NZB. Filterungen jeglicher Art sprechen sich im Usenet auch schnell herum. Indem man den Newsserver wechselt, bleibt man von einem filternden Administrator verschont. die sich daraus ergebenden wirtschaftliche Konsequenzen für einen eifrig filternden Administrator liegen auf der Hand. Selbst wenn alle Newsserver einer bestimmten Region sich darauf verständigen würden oder durch ein Gesetz gezwungen würden, News, die einen bestimmten Begriff enthalten, zu filtern, könnten die User auf Newsserver einer anderen Region ausweichen.
Die andere Filterung: Newsgroups
News können nur aus den Newsgroups angefordert werden, die auf dem jeweiligen Newsserver auch geführt werden. Sperrt man eine Newsgroup, dann haben die User des sperrenden Newsservers auch keinen Zugriff mehr auf diese Newsgroups. Doch auch diese Sperre läuft ins Leere, wenn andere Newsserver diese Newsgroup weiterhin führen. Man wechselt als User den Newsserver.
Es hat sich auch längst gezeigt, dass die Sperre einer Newsgroup eine nur sehr vorübergehende Wirkung zeigt. Die User weichen in eine andere Newsgroup aus. Über 5000 Newsgroups nur in alt.binaries, insgesamt über 200000 Newsgroups machen eine zeitnahe Überwachung des Usenet unmöglich. Selbst eine weltweite Verständigung auf die Sperre bestimmter Newsgroups führt nur vorübergehend zum Erfolg. Es gibt genügend brachliegende Newsgroups, in die man ausweichen kann.